Teil 6 – Folgen der Lebens- und Arbeitsbedingungen,  Programmfinanzierung

 

 

 

Originaltitel / Titre original: Conséquences des conditions de vie et de travail – Financement

Quelle: La Riposte, Boris Camos

 

 

 

Eine kostenlose hochwertige medizinische Versorgung, eine Aufstockung des Pflegepersonals (und nicht nur der Ärzte), eine Finanzierung der Ärztehäuser usw. - diese Reformen haben natürlich einen Preis. Das Problem liegt aber nicht an fehlenden Mitteln. Das eigentliche Problem liegt an der schlechten Verteilung dieser Mittel. Den Großteil davon hat sich nämlich eine kleine Minderheit an sich gerissen. Um ein ehrgeiziges Reformprogramm umzusetzen, müssen die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse angegangen werden. Im Großen und Ganzen kann nur eine sozialistische Revolution solche Reformen herbeiführen und finanzieren. Die derzeitige Wirtschaftsform bedarf einer Generalüberholung, um sicherzustellen, dass das gesamte erzeugte Vermögen wirksam verteilt wird. Auf diese Weise ließen sich nicht nur Mittel auftreiben, die für ein besseres und vor allem gerechteres Gesundheitssystem notwendig wären. Mehr noch: Das Lebensniveau der gesamten Bevölkerung stünde besser da.


In seinem ewigen Wettlauf um das große Geld schert sich der Kapitalismus herzlich wenig um das Wohlergehen der Arbeitnehmer. Die Lebensweisheit „Arbeit ist gleich Gesundheit“ ist für die meisten im Gesundheitswesen selbst in den ‚entwickelten‘ Industrieländern ein schlechter Witz. Der Stress, die immer höher gesteckten Ziele, die Aggressivität des Managements, die sich anhäufenden Überstunden, die exzessiven Anforderungen an Flexibilität, die Unsicherheit am Ende eines befristeten Vertrags oder sonstige prekäre Arbeitsverträge, die Unterbesetzung, die unzumutbaren Arbeitsbedingungen, die Arbeit in asbestverseuchten Räumen, ganz zu schweigen von den verheerenden Arbeitsbedingungen in der ‚Dritten Welt‘: Wie sollte das alles keine Auswirkungen auf die Gesundheit des Personals im Gesundheitswesen haben? Ob sich das in Arbeitsunfällen,  Burn-outs, Depressionen, Gelenkkrankheiten oder sonstigen Krankheiten ausdrückt, die Funktionsweise des Kapitalismus greift besonders die körperliche und geistige Verfassung der Beschäftigten an.


Weltweit leben wir in einem unmenschlichen System. Während sich eine Handvoll Krankenhäuser leistet, die großen 5-Sterne-Hotels ähneln, werden Millionen anderen die grundlegendste medizinische Versorgung vorenthalten, sterben an fehlendem Trinkwasser, an heilbaren Krankheiten - kurzum: Ihre Armut ist ihr Todesurteil. Die gesundheitsschädliche Umweltverschmutzung erreicht immer höhere Grenzwerte. Kleine Ausbesserungsarbeiten hie und da, die eh nicht eingehalten oder umgesetzt werden, ändern daran überhaupt nichts. Selbst an Naturkatastrophen zeigt sich die auseinanderklaffende Schere zwischen reichen und armen Ländern. Um nur ein Beispiel zu nennen: Ein Erdbeben – ein natürliches Ereignis – fordert – auf nicht natürliche Weise – mehr Todesopfer in Haiti als in Japan. In einem Land gibt es Slums und ohne Sicherheit vor Erdbeben, im andern Land werden Hochhäuser nach erdbebensicheren Normen gebaut; in einem Land organisiert sich der Rettungseinsatz im Eiltempo und erhalten unbürokratisch Mittel in einer Höhe, wovon Haitianer nicht einmal zu träumen wagen. Im Endergebnis gibt es in Japan weniger Todesopfer zu beklagen als in Haiti.


Jeder sollte sich im Klaren sein, ganz besonders Beschäftigte im Gesundheitswesen, das die Lebensbedingungen Einfluss auf die Gesundheit der Bevölkerung nehmen. Ein gutes Zeugnis dafür ist die Tuberkulose: Was hat denn in Frankreich (und andernorts) am meisten geholfen, die Tuberkulose zurückzutreiben? Die Entdeckung und Entwicklung von Tuberkulosemedikamenten? Nein. Das enorme Impfprogramm de BCG? Auch nicht. Die größte Auswirkung in der Bekämpfung der Tuberkulose hatte die Erweiterung und Reinigung der Kläranlagen! Am Ende einer gründlichen Untersuchung muss jeder Mediziner in aller Bescheidenheit einräumen, dass die Gesundheit des Volkes von der Politik abhängig ist. Selbstverständlich muss die Gesundheitsversorgung weiter ausgebaut und deren Zugang erleichtert werden. Selbstverständlich muss die Herstellung von ausreichenden Medikamenten und die Finanzierung der Forschung und Entwicklung gesichert sein. Aber der größte Fortschritt wird in der Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen für die Bevölkerung liegen. Einzige Hürde, die sich diesem Ziel in den Weg stellt, ist der Kapitalismus. Und doch: Jeder Mensch ist ein menschenwürdiges Leben wert.


Dieses System behindert nicht nur die Verbesserung der Lebensbedingungen für die meisten, sondern ihm sind sogar die sozialen Errungenschaften der Vergangenheit ein Dorn im Auge. Der Kapitalismus hat nur eines zu bieten: den sozialen Rückschritt und die quälende Armut für die Mehrzahl der Menschheit. Es gibt daraus nur einen Ausweg: Die Zerschlagung der politischen Macht der Kapitalisten. Diese Macht gehört in die Hände der arbeitenden Bevölkerung und unter ihre Aufsicht. Nur dann lässt sich nach wirklichen Bedürfnissen des Gemeinwohls produzieren, nur so lässt sich die Armut ausmerzen, nur so werden entsetzliche Lebensbedingungen beseitigt, zu denen Milliarden von Menschen verdammt sind.


Deswegen müssen wir unsere Kräfte vereinen: Einerseits die Beschäftigten des Gesundheitswesens, die sich für bessere Arbeitsbedingungen einsetzen. Andererseits das Volk, das sich gegen die Zerschlagung unseres Sozialsystems währt. Wir alle zusammen müssen für einen sozialistischen Weg kämpfen. Dieser soziale Rückschritt in Frankreich und anderswo muss aufhören. Um es mit den Begriffen der OMS auszudrücken: „Jeder Einzelne muss die Möglichkeit haben, ein vollkommenes Wohlbefinden zu erlangen, sowohl in körperlicher, geistiger als auch gesellschaftlicher Hinsicht. Jeder muss sich frei entfalten können.“



Autor: Boris Campos, 24 April 2013


Übersetzung: Frank Silvio Mörschner (Mai 2013)