Teil 5 – Medizinische Grundversorgung, ohne Garantie  

 

 

Orginaltitel / Titre original: L’organisation des « soins primaires »

Quelle: La Riposte, Autor Boris Campos

Übersetzung: Frank MÖRSCHNER

 

 

Die Niederlassungsfreiheit


In der letzten Zeit erregten sich die Gemüter der freiberuflichen Ärzte über die Frage der Niederlassungsfreiheit. Die Regierung steht vor einer schwierigen Fragestellung: Wie bekommt man das demographische Ärzteproblem in den Griff? Wie zieht man Ärzte an medizinisch unterversorgte Gebiete, ohne die heilige Niederlassungsfreiheit der Ärzte anzutasten?


Die Lösung scheint einfach: Um dem drohenden Ärztemangel beizukommen, brauchen nur mehr Ärzte ausgebildet werden. Bislang steigt die jährliche staatlich begrenzte Zahl an Medizinstudenten (Numerus clausus). Das reicht aber nicht, um der Zahl der in den Ruhestand tretenden Ärzte entgegenzuwirken. 2008 ist die Zahl der praktizierenden Ärzte in Frankreich um 1,2% gestiegen.

 

Dagegen sind 3,4% in den Ruhestand getreten. Es genügt ein Blick auf die Alterspyramide der Ärzte, um zu verstehen,  das keine Kehrtwendung in Sicht ist. Ganz im Gegenteil:  Mit dem Wissen, dass die Ausbildung eines Allgemeinmediziners mindestens neun Jahre dauert und die eines Spezialisten elf Jahre, ist es höchste Zeit die Anzahl der Auszubildenden Ärzte  aufzustocken. Nur hat das einen Preis. Es wären zusätzliche Ausgaben notwendig, die der Staat in der nächsten Zeit kaum in Betracht ziehen wird.


Obendrein sind die Ärzte in Frankreich schlecht verteilt. Im Grunde ist es das gleichartige Problem wie mit den Krankenhausbetten, das wir bereits angesprochen haben. Die Niederlassungsfreiheit bringt Ungleichheiten hervor, da die Ärzte ungleichmäßig im Gebiet verteilt sind. Die Stadt konzentriert die größte Anzahl Mediziner; auf dem Land sind sie Mangelware. Bei immer weniger Ärzten verschärft sich dieses Problem noch, führt sogar ein Eigenleben. Wer möchte sich schon in einem Ort niederlassen, wo die medizinische Grundversorgung derart dürftig ist, dass das Arbeitspensum kaum zu bewältigen wäre. Übrigens ein allgemeines Problem, denn es passt zu der großangelegen Vernichtung öffentlicher Dienste: Wer möchte sich schon in einem Dorf niederlassen, wo die Poststelle bald schließt oder die Schule Klassen abschafft und die Entbindungsstation in der Nachbarschaft um ihr Überleben kämpft?


Die aktuellen Lösungen: Ein Flickenteppich


Auf lokaler Ebene wurden Maßnahmen ergriffen, um Ärzte in Gebiete ohne medizinische Versorgung zu locken. Niederlassungshilfen, Bereitstellung von einzugsfertigen Praxen, Steuerermäßigungen, Prämien: Alle möglichen Anreize stehen zum Angebot, um die Ärzte anzulocken. In der Praxis kümmert sich jeder Ort so gut wie er kann. Zum einen, weil die Maßnahmen von den Mitteln der infrage kommenden Gebietskörperschaften unterstellt sind. Diese sind aber ungleichmäßig in den Ortschaften verteilt. Zum anderen, weil sich der Staat von allen anderen Fronten zurückzieht. Es handelt sich nämlich um eine zusätzliche Belastung, die von den anderen örtlichen Diensten gestemmt werden müssen.


In letzter Zeit haben sich Förderprogramme (ähnlich dem Bafög)  entwickelt, wodurch sich Medizinstudenten als Gegenleistung dazu verpflichten, sich in einer ‚medizinischen Wüste‘, also in Regionen niederzulassen, wo es keine ärztliche Versorgung mehr gibt, mit all den dazugehörenden Anreizen. Ein solches Programm ist auch nicht hinnehmbar, denn das Medizinstudium dauert lange und wird tatsächlich erst ab dem 7. Jahr vergütet. Jene mit geringem Einkommen werden als erste von diesem Förderprogramm angezogen sein, damit sie durch Nebenarbeit nicht ihr Studium aufs Spiel setzen. Die anderen, die genügend Mittel haben, werden sich die Hände nicht binden, um sich die Niederlassungsfreiheit zu bewahren.
 

Für eine Grundeinheit der ambulanten Medizin


Da es sich um einen nationalen Dienst der öffentlichen Hand handelt, müssen die Maßnahmen flächendeckend im ganzen Land zum Einsatz kommen, ohne Unterschied zwischen Regionen. Die Ärzte selbst tun sich immer häufiger zusammen, um gemeinsam eine Praxis zu eröffnen. Sie sehen darin nur Vorteile, und das zurecht: Arbeit im Team, Reduzierung der Betriebskosten, leichtere Urlaubsplanung, Kostenteilung für den Kauf von medizinischen Geräten usw. Aber bis jetzt sind das alles nur Einzelmanöver. Dieses System muss sich auf das ganze Land erstrecken, indem der Staat ‚Ärztehäuser‘ [17] (bzw. ‚Gesundheitszentren‘ errichtet und finanziert, auf den Namen kommt es dabei nicht an. Das Ärztehaus wäre dann die Grundeinheit für die ärztliche Grundversorgung, die eine bestimmte Anzahl von Ärzten, Krankenschwestern, Biologen, Radiologen und andere Fachkräfte des Gesundheitswesens vereint. Die Ärztehäuser würden in ganz Frankreich rationell verteilt, d.h., nach Einwohnerzahl, Nähe zu den Einwohnern usw. Das Personal einschließlich Ärzteschaft wären dort nicht freiberuflich tätig, sondern angestellt. Wenn die Mittel für das Pflege- und Ärztepersonal ausreichend zum Einsatz kommen, ist das die beste Voraussetzung für gesunde Arbeitsbedingungen. Für die Patienten bedeutet das, unter besten Voraussetzungen versorgt zu sein, unabhängig der Entfernung und innerhalb zumutbarer Fristen, ganz gleich, wo sie wohnen.
Was die Niederlassungsfreiheit anbelangt, hätte der Arzt die Möglichkeit, sein Ärztehaus auszuwählen. Genauso wie schon jetzt ein Assistenzarzt sein Krankenhaus auswählt, wo er ausgebildet werden möchte, oder der Ausbilder die Einrichtung aussucht, wo er tätig werden möchte.
 

Außertarifliche Honorare, nutzungsabhängige Zahlung und Belegschaft


Die außertariflichen Honorare betreffen in erster Linie Fachärzte. Rufen Sie heut einen Augenarzt an, haben Sie in 3 Monaten einen Termin, es sei denn, es handelt sich um einen Notfall. Und das ist nur ein Beispiel! Wenn Sie aber bereit sind, tiefer in die Tasche zu greifen, können Sie immer noch einen Spezialisten aus Sektor 2 anrufen. Zwar verrichtet dieser Arzt genau dieselbe Tätigkeit, nur verlangt er mehr. Aber keine Sorge, er tut dies mit dem gebührlichen Taktgefühl. Da sich aber nicht jeder eine Behandlung mit Taktgefühl leisten kann, gibt es weniger Andrang und die Warteliste ist demzufolge nicht so lang. Ein Termin wird also schneller frei. Das ist nichts anderes als eine Medizin mit zwei Geschwindigkeiten: Jene mit Geld kommen sofort dran, jene ohne Geld müssen warten. Das ist nicht hinnehmbar. Die notwendigen Mittel müssen in Ärztehäuser investiert werden und die Arbeit der Pflegekräfte richtig bezahlt. Der Sektor 2 gehört abgeschafft.


Einige Chirurgen beschweren sich: „Stell dir vor, nicht mal 170 Euro für eine Blinddarmoperation.“ Eine solche Haltung entsteht, wenn man nach Einsätzen bezahlt wird. Wenn der Chirurg angestellt ist (so wie es in Krankenhäusern gehandhabt wird), braucht er sich um den Tarif je Operation keine Sorgen zu machen.  Er wird dafür bezahlt, seinen Beruf auszuüben und zu operieren, wenn es notwendig ist. Ein weiterer wichtiger Vorteil spielt dabei eine große Rolle: Wenn die Höhe des Einkommens unabhängig von der Anzahl der Operationen oder Konsultationen ist, entfällt auch großenteils das Risiko unnützer Eingriffe oder hastiger Konsultationen.
Was die Vergütung eines Arztes oder Chirurgen angeht, verdienen sie ein anständiges Gehalt. Wer verdient das eigentlich nicht? Wenn Ärzte angestellt wären, entfielen die Versicherungskosten (die für private Chirurgen oft exorbitant sind, da die Honorare meist über tarifliche Vereinbarungen hinausgehen). Für diese Versicherungskosten wäre nunmehr die Einrichtung zuständig, die den Chirurg beschäftigt. Die Kosten für den Betrieb einer unabhängigen Praxis fielen ebenfalls weg. Die medizinischen Geräte wären fester Bestandteil des Ärztehauses und vom Staat finanziert. In konzertierter Absprache könnte schnell ein Tarifgehalt vereinbart werden, der ein anständiges Leben ermöglicht. Dieses Gehalt würde sich dann dem Inflationsindex ausrichten.


Unser Programm:

 

  • Kostenlose medizinische Versorgung für alle.
  • Anhebung des Numerus clausus mit Rücksicht auf demographische Veränderungen
  • Errichtung von Ärztehäusern, die sich rationell um die medizinische Grundversorgung im ganzen Gebiet kümmert
  • Abschaffung des Sektors 2, Verbot von außertariflichen Honoraren, das gesamte medizinische Personal gehört ins Arbeitnehmerverhältnis, einschließlich Ärzteschaft

 

 

Fortsetzung:

 

Teil 6  Folgen der Lebens- und Arbeitsbedingungen,  Programmfinanzierung

 


Übersetzung: Frank MÖRSCHNER