Teil 4 – Altersheime, altersverachtende und entwürdigende Verhältnisse

 

 

 

Titre original: Les maisons de retraite

 

Quelle: La Riposte, Auteur, Boris Campos


Das Alterwerden: Auf dem ersten Blick möchte man meinen, dass wir wenigstens hier alle gleich sind. Jeder muss da durch, ob reich oder arm. Zeit wirkt sich aber nicht auf jeden gleich aus. Je nach sozialem und wirtschaftlichem Stand lebt man länger oder eben nicht so lange, ist man gesünder oder eben nicht so gesund. Die Lebenserwartung ist nicht die gleiche wie bei Führungskräften. Laut dem französischen Statistikamt INSEE war zwischen 2000 und 2008 die Lebenserwartung der 35-jährigen Männer aus der Führungsriege 6,3 Jahre länger als für Arbeiter derselben Altersgruppe. Es ist also ein Fakt: Körperlich harte Arbeit nagt am Rad der Lebenserwartung für Millionen von Arbeitern. Diese Ungleichheit werden die Arbeiter bald zu spüren bekommen. Doch schlimmer noch, wenn sie davon schon betroffen ist. Denn: Vor dem Tod sind wir nicht alle gleich. Für dieselben physiologischen Umstände gibt es je nach gesellschaftlicher Stellung zweierlei Maße und Behandlungen. Und wenn man sich die Weltstatistik betrachtet, läuft es einem kalt über den Rücken. Wenn Sie nicht im richtigen Land leben, kann sich ihre Lebenserwartung halbieren: Menschen in Japan werden im Durchschnitt 82 Jahre alt, in Angola hingegen nur 38 Jahre ...). Im Großen und Ganzen altern besser gestellte Menschen in besserer Gesundheit. Nach INSEE erfreuen sich die Führungskräfte ohne Behinderung einer längeren Lebenserwartung als Arbeiter. So drängt sich die Frage auf: Wenn es einen Unterschied bei den Führungskräften gibt, wie sieht es dann wohl mit den Wohlhabenden aus? Aber unseren ‚Eliten‘ stören diese Ungleichheiten nicht sonderlich. Und das aus gutem Grund: Denn wollte man sich diesem Problem annehmen, müsste man den Kapitalismus infrage stellen.


Unser Gesellschaftsstand bestimmt unser Lebensniveau, unser Einkommen und später folglich unsere Rente. Ein niedriges Einkommen führt zu einer niedrigen Rente. Weniger Geld für mehr Gesundheitsprobleme. Wenn dann noch mit dem Alter die Selbstständigkeit verlorengeht, bleiben dann noch kaum Mittel fürs Altersheim. Laut amtlichem Bericht von 2009, der von der Inspection générale des affaires sociales (IGAS) erstellt wurde, zahlt ein Bewohner in einem Altersheim in Frankreich monatlich an die 2.200 Euro. Die durchschnittliche Rente hingegen beläuft sich auf etwas über 1.100 Euro im Monat, sprich die Hälfte von dem, was das Altersheim kostet! Betrug denn in Frankreich die Mindestrente von damals 677 Euro wie heute?


Zudem können die Preise unter den Altersheimen sehr unterschiedlich sein, ohne dass die Leistungen sich auch nur annähernd voneinander unterscheiden. Alles im allen gleichen die französischen Altersheime in Frankreich eher einer Sterbeanstalt als einem idealen Ort, wo man seinen Lebensabend verbringen will. Denn sie sind chronisch unterbesetzt, was zu ‚passiver Misshandlung‘ führt. Aktivitäten gibt es für die Insassen kaum, sieht man einmal von den gelegentlichen Singkursen mittwochs ab. Sonst gibt es aber nichts weiter zu tun, als auf den Tod zu warten. Es kommt nicht selten vor, dass sich der Gesundheitszustand in einer Seniorenresidenz schneller verschlechtert, als es im eigenen Zuhause der Fall wäre. Das ist sogar so auffallend geworden, dass sich zunehmend der Gedanke durchsetzt, solange wie nur möglich zu Haus zu bleiben. Nur erfordert das mehr Mittel, als derzeit angeboten werden. Wenn aber die Einlieferung unausweichlich geworden ist, sollten besser alle notwendigen Vorkehrungen getroffen sein. Denn die Warteliste für Seniorenheime ist lang.


Pflegebedürftigkeit darf keine Profitquelle für Investoren sein! Ausreichend Mittel sind freizusetzen, um den Verbleib in den eigenen vier Wänden zu ermöglichen, solange der Betroffene damit einverstanden ist. Die privaten Altenheime, Krankenhäuser und Kliniken sind zu verstaatlichen und unter Aufsicht der Arbeitnehmer sowie der Bürgerinnen und Bürger zu stellen. So kann die Platzverteilung in den Seniorenheimen, der Aufenthalt im Altersheim bis zum medizinisch betreuten Pflegeheim eingeplant werden. Ein Einstellungsprogramm ist aufzustellen, damit endlich der Personalmangel aufhört. Institutionen, die für Ruheständler gedacht sind, müssen neu erfunden werden, damit sie unseren Senioren würdige Lebensbedingungen bieten.

 

Unser Programm:

 

 

  • Verstaatlichung der Altersheime und verwandte Einrichtungen unter Aufsicht der Belegschaft und der Bevölkerung und Eingliederung in den öffentlichen Dienst
  • Beschäftigungsplan und Baumaßnahmen nach Bedarf

 

 

Fortsetzung:

 

Teil 5  Medizinische Grundversorgung ohne Garantie

 

Teil 6  Folgen der Lebens- und Arbeitsbedingungen,  Programmfinanzierung


Übersetzung: Frank MÖRSCHNER