Teil 3 - Kapitalismus und Gesundheit – eine Bestandsaufnahme, unser Programm

 

Originaltitel: Le capitalisme et la santé – L’état des lieux, notre programme

 

Artikel vom kommunistischen Magazin RIPOSTE, 24. April 2013, Autor Boris Campos,

Übersetzung Frank MÖRSCHNER 2013

Dieses Dokument ist ein Beitrag zur Debatte der kommunistischen und gewerkschaftlichen Bewegung zum Thema Gesundheitswesen. Autor ist Boris Campos, derzeit Assistenzarzt für Allgemeinmedizin. Er ist Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreich, Kommunistischen Jugend und des Allgemeinen Gewerkschaftsbund (CGT).


Das Wettrennen um den Profit ist treibender Motor des kapitalistischen Systems. In jedem Gesellschaftsbereich geht es der Führungsschicht immer nur um eins: die höchste Rendite. Im Gesundheitswesen nimmt aber das Profitstreben ganz besonders unmenschliche Züge an. Für Kapitalisten sind Pflege und Behandlung nichts weiter als Ware und die Gesundheit ein riesiger Markt.
 

 

Die Pharmaindustrie


Geschäftsführer pharmazeutischer Labors geht es nicht in erster Linie darum, eine Arznei zu entwickeln oder weiterzuentwickeln. Auch geht es nicht vordringlich darum, der Bevölkerung Behandlungen zugänglich zu machen, die wirkungsvoll Krankheiten heilen.  Nein: Diesen Geschäftemachern geht es einzig und allein um den maximalen Profit. Das Wohlbefinden ihrer Kunden interessiert sie dabei herzlich wenig. Sie spielt nur insofern eine Rolle, als die heilenden Kräfte einer Arznei sich besser verkaufen – also mehr in die Kasse einspielen. Médiator ist nur einer der jüngsten Fälle, wo das auf tragische Weise deutlich wird; wenigstens hat dieser Fall für großes Aufsehen gesorgt. Der Verkauf dieses Medikaments ging fröhlich weiter, selbst als Jahre danach die ersten Beweise erbracht wurden, dass dieses Medikament schädlich ist. Wie viel gesundheitsschädliche Medikamente sind noch im Umlauf und wie viele waren es?

Die großen Bosse dieser Branche behaupten, die Gesellschaft müsste ihnen dankbar sein: „Ohne uns gäbe es keine Medikamente.“ Sie brüsten sich damit, wie viel Millionen sie gegen Krankheiten investieren – und rechtfertigen somit ihre Gewinne als ehrenhafter Lohn für getätigte Investitionen. Lassen wir uns aber nichts vormachen. Zwar hat die Erzeugung einer Arznei (von ihrer Entwicklung bis zur Herstellung) einen Preis, aber er ist noch lange nicht so hoch, wie von den großen Pharmakonzernen angeboten.  In das derzeitige System fließen Unmengen von Ausgaben, damit es funktioniert. Diese Ausgaben schlagen sich dann auch auf den Preis nieder. Aber das soll keiner wissen. Zum Beispiel geben ihre Lobbys Millionen für nicht produktive Tätigkeiten aus, mehr oder weniger offiziell, für Schmiergelder oder andere Sachen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Amerikanische Unternehmen, die mit dem Gesundheitswesen in den USA zu tun haben, gehören zur größten Lobby, die in die Kampagne der amerikanischen Präsidentschaftswahlen investieren: Mehr als 40 Millionen Dollars wurden dort bei den letzten Wahlen ausgegeben [1].

 


Das Marketing: Eine wahre Geldverbrennungsanlage


Die Konkurrenz kennt keine Gnade. Und das investierte Geld muss sich auch rentieren. Und damit das so ist, muss so viel wie möglich verkauft werden. Entweder es handelt sich um ein nicht rezeptpflichtiges ‚Medikament‘, wofür man sich direkt an den Verbraucher wendet. Also eine Strategie, wie bei einem ganz gewöhnlichen Massenware. Oder es handelt sich um ein rezeptpflichtiges Medikament, wofür man sich an denjenigen wendet, der die Medikamente verordnet: den Arzt. Und dafür wird eine Schar Pharmareferenten ausgesendet.

Der eingefuchste Pharmareferent verfügt über mehrere Vorgehensweisen: Zunächst fängt er mit Fragen an, die rein gar nichts mit dem Erzeugnis zu tun haben, das er verkaufen will. Er tut so, als ob er sich für den Arzt als Person interessiert. Und ob man es glauben möchte oder nicht, häufig verschreibt ein Arzt ein Medikament nur, weil er den Referenten ganz ‚nett‘ fand. Dann kommt der Vortrag über die wissenschaftlichen Analysen, die es dem kleinen Arznei-Juwel ermöglicht hat, ein Verkaufszertifikat (also eine Zulassung für das Inverkehrbringen von Arzneimitteln) zu bekommen. Es werden die schönsten Grafiken und beeindruckendsten Auszüge dieser Studie gezeigt, die übrigens ein kleines Vermögen kosten.  

Anschließend, nachdem so wissenschaftlich wie nur irgend möglich bewiesen worden ist, dass dieses Erzeugnis unbedingt zu verschreiben ist, muss der Referent im Herzen des behandelnden Arztes das Gefühl erwecken, dass er ihm dankbar sein kann. Also überhäuft er ihm mit kleinen Aufmerksamkeiten: Stifte, Notizhefte, Proben – oft auch für den Arzt selbst. So unbedeutend diese Kleinigkeiten auch erscheinen mögen, üben sie einen Einfluss auf den verschreibenden Arzt aus, ohne dass er es merkt. Um den psychologischen Mechanismus zu erklären, würde den Rahmen dieser Abhandlung sprengen. Begnügen wir uns aber mit der Feststellung, dass, wenn es nicht funktionieren würde, Pharmareferenten schon längst einen anderen Job gesucht hätten.

Selbstverständlich beschränkt sich der Pharmareferent nicht auf kleine Mitbringsel. Für behandelnde Ärzte, die ja gewisse Vergünstigen nur schwer ausschlagen können, hat der Referent für jedes verschriebene Medikament eine bunte Palette an Vorteilen in petto:  Kostenerstattung für die Teilnahme an Kongressen (selten unter 100 Euro allein für die Anmeldung), kostenloser Ausdruck von Fachartikeln, die für Assistenzärzte (auf der Suche nach Dokumenten für ihre Doktorarbeit) sonst nur gegen zahlungspflichtigen Zugang abrufbar sind, Prämie für die Einbeziehung von Patienten in eine Studie (zum Beispiel 500 Euro für den Assistenzarzt oder den Arzt für jede unterzeichnete Vereinbarung), medizinische Präsentationen, die ohne Ausnahme mit einem üppigen Essen auf Kosten des Labors einhergehen (und verlassen Sie sich darauf: das Essen selbst lohnt schon den weiten Weg!) usw. Diese Liste ist noch lange nicht vollständig. Eins ist aber sicher: Mit dem Referenten auf gutem Fuße stehen, kann sehr vorteilhaft sein. Nicht nur in puncto Schreibutensilien, wenn dem Kuli wieder einmal die Tinte ausgeht.

Rechnet man alle Ausgaben zusammen, ergibt sich eine sagenhafte Summe.  Eine Studie [2] aus den USA, wo sich die Pharmaunternehmen direkt an die Bevölkerung wenden können, kletterte die Gesamtsumme für das Marketing von 11,4 auf sage und schreibe 29,9 Milliarden Dollar zwischen 1996 und 2005 (sprich von 8,69 auf 22,81 Milliarden Euro). Um sich davon einmal eine Vorstellung zu machen: Für die Ausrottung der Hungersnot in der Welt bräuchte man laut diversen Studien nicht mehr als 10 Milliarden Dollar (7,63 Milliarden Euro) – dreimal weniger! Um den Preis ihrer Medikamente zu rechtfertigen, verweisen die Labors eifrig auf die Ausgaben, die für die jahrelange Forschung und Entwicklung notwendig waren.  Dabei geben die Pharmaunternehmen durchschnittlich zweimal soviel für das Marketing als für die Forschung aus [3]! Was sie dabei aber verschweigen, sind die zahlreichen Staatssubventionen, von denen sie profitieren: Steuervergünstigungen, direkte Fördermittel aus öffentlicher Hand, Preisnachlässe usw. So stehen wir also einer ungeheuerlichen Entartung gegenüber, die man in vielen anderen Wirtschaftsbereichen wiederfindet. Keine Summe ist zu groß, um die Nachfrage für ein Erzeugnis zu steigern, nur damit sich dessen Entwicklung und Herstellung lohnt.
 

Dividenden verschlingen Arbeitsplätze


Und das ist bei Weitem nicht alles. Denn für jedes verkaufte Medikament muss dem Labor eine ausreichende Gewinnspanne bleiben, damit die Aktionäre zufrieden sind. Dabei wird der Preis des Medikaments so berechnet, dass für das Unternehmen der größtmögliche Umsatz herausspringt. Der Fall Sanofi, ein Unternehmen, das zurzeit viel von sich Reden macht, veranschaulicht sehr gut den allgemeinen Trend in den großen Konzernen [4]. Dabei dreht es sich immer wieder um die Maximierung der Gewinnanteile für die Anteileigner.  Die Dividendenausschüttungen von Sanofi stiegen zwischen 2005 und 2010 um 65 %.  Die Dividenden von 2,65 Euro je Aktie entsprachen 2011 einem Ausschüttungsanteil von 40 %. Mit andren Worten: Von 8,8 Milliarden erzieltem Gewinn im Jahre 2011 schüttete das Unternehmen 3,5 Milliarden Euro an Dividenden aus. Damit aber nicht genug. Der Vorstand hat sich vorgenommen, bis zum Jahr 2015 die Hälfte der Erlöse in Form von Dividenden auszuschütten.

Der Vermögensanteil, der von den Aktionären eingeheimst wird, geht so den Arbeitnehmern und Investitionen verloren. Entweder in relativer Hinsicht – oder in absoluter Hinsicht, wenn der Umsatz einmal einzubrechen droht.  Wenn die Geschäftsführer die Dividenden auf das Unternehmenswachstum nicht mehr erhöhen können, müssen sie diese vom aktuellen Umsatz abzwacken – demzufolge große Umstrukturierungsprogramme anwerfen, damit der Profit keine Einbußen macht. Deshalb kündigt Sanofi einen Sparplan an, wenn das Unternehmen zur gleichen Zeit Rekordgewinne verzeichnet. Der Sparplan jedoch verschlingt 900 Arbeitsplätze. Dabei sollte man nicht vergessen, dass in den letzten drei Jahren schon fast 4 000 Stellen abgebaut worden sind. Aber Sanofi ist kein Einzelfall. Ganz im Gegenteil: Pfizer, MSD (Merck Sharp & Dohme), Merck KgaA, Abbott und Konsorten – also die ganzen Pharmariesen – folgen diesem gleichen Schema. Die Pharmaindustrie hat zwischen 2008 und 2010 schon 31 012 Arbeitsplätze verloren, und das Ausbluten geht weiter. Zusammengenommen hat die Pharmabranche in Frankreich im Jahr 2011 schon 28 „Arbeitsrettungsmaßnahmen“ (in Klardeutsch Streichungen von Arbeitsplätzen) ausgerufen; das Jahr zuvor, waren es noch zwanzig.
 

Die Forschung gerät ins Stocken


„Medikamente herstellen, ja, vorausgesetzt wir machen dadurch Gewinne!“ So lautet die treibende Kraft der Forschung, so definieren sich Strategien der großen Labors, so rechtfertigen sich Werbekampagnen, so wird die Lobbyarbeit vorangetrieben, um mit dem Staat die höchsten Preise auszuhandeln usw. Aber das Privatinteresse (das heißt, die Bereicherung der Großaktionäre) ist mit dem allgemeinen Interesse nicht vereinbar. Tausende Menschen sterben an Malaria. Aber wozu sollte man sich denn in einer breitangelegten Forschung verausgaben, wenn die von der Krankheit betroffenen „Kunden“ eh nicht zahlen könnten? Deswegen wird ein gesamter Forschungsbereich so gut wie vernachlässigt, aus dem einfachen Grund, dass die Produktionskosten über den erhofften Gewinnen liegen würden. Dieselbe Buchhaltungsregel findet in allen anderen Wirtschaftsbereichen Anwendung. Sie bestimmt, wer sich lohnt, behandelt zu werden – oder nicht. Der Kapitalismus ist ein unmenschliches System. Er lässt Millionen von kranken Menschen im Stich. Und warum? Weil sie nicht genug Geld haben. Sie lohnen sich nicht.

Studien sind teuer, aber sie sind unerlässliche Bedingung um eine Verkaufslizenz zu erhalten. Um also die Risiken gering zu halten, beschränkt sich die Studie nun auf einen „Nachweis der Nicht-Unterlegenheit" [5]. Der Versuch nachzuweisen, dass ein bestimmtes Molekül wirkungsvoller als bei einem Vergleichsmedikament ist, wäre zu riskant. Was für eine Geldverschwendung, wenn die Studie nicht in das erhoffte Ergebnis mündete?! Demzufolge begnügen sich die meisten Studien mit dem Nachweis, dass das neue Molekül wenigstens zu 70 % [6] dem Wirkungsgrad des Vergleichsmoleküls entspricht. So sieht kaum wirklicher Fortschritt aus. Man versucht nicht einen Fortschritt nachzuweisen, sondern man weißt nach, dass kein Rückschritt – dass ein nur begrenzter Rückschritt zu verzeichnen ist! Ist das nicht absurd? Stellen wir uns vor, jemand will ein neues Handy erwerben.  Können Sie sich etwa vorstellen, dass Sie ein Verkäufer mit folgendem Verkaufsargument überzeugen würde? „Das I-Phone 53 müssen Sie unbedingt kaufen. Es ist zwar nicht nachgewiesen, dass es besser ist, aber ich versichere Ihnen, dass es mit aller Wahrscheinlichkeit nicht schlechter ist.“ Wohl kaum. In der Pharmaindustrie ist es allerdings gängige Praxis.

Wie in jedem anderen Sektor liefern sich die Pharmakonzerne eine wahre Schlacht. Denn die ewige Jagd nach dem begehrten Patent schließt eine wahre Zusammenarbeit zwischen den Wissenschaftlern der verschiedenen Labors aus. Die Abteilung Forschung und Entwicklung ist abgeschottet, die wesentlichen Informationen ein ängstlich gehütetes Geheimnis. Die Forschung wird so nur ausgebremst – und somit auch der Fortschritt. Noch dazu werden tendenziell immer weniger Investitionen getätigt: Die Programme zur Sicherstellung der Gewinne machen keineswegs bei der Forschung halt. Die Debatte über die Umstrukturierung von Sanofi, wo allein in Frankreich eine Reihe Forschungszentren in Montpellier, Lyon und Toulouse geschlossen werden, ist nur ein Beispiel unter vielen. [7]

Bis zu dem Moment, wo ein Patent in die öffentliche Hand übergeht. Häufig ändern die Labors geringfügig ‚ihr‘ Molekül, damit ihnen ein lukratives Geschäft nicht entgeht. Das Grundprinzip des Moleküls bleibt indes unverändert. Auf diese Weise kann ein neues Patent angemeldet werden. Ein solches Patent nennen die Pharmakologen „Me Too“ [8]: Ein Doppelgänger. Ein raffinierter Verkaufstrick. Auf diese Weise wollen sie uns weismachen, dass das neue Medikament allein wegen seiner Neuheit besser ist.

Fazit: All diejenigen, die immer die Vorteile des Wettstreits und der Konkurrenz lobpreisen – ob es ihnen gefällt oder nicht: Der Kapitalismus ist ein Hindernis für den Fortschritt.   Das zeigt sich an den vielen neuen Medikamenten, die jedes Jahr auf den Markt erscheinen. Nur wenige davon stellen einen wirklichen Fortschritt dar. Der Rest ist nur ein Abklatsch von denen, die schon existieren oder unterscheiden sich nur unerheblich davon. Das Jahr 2011 war „mit Hinblick auf den therapeutischen Fortschritt ein sehr ertragsarmes Jahr“, so der Vorsitzende der Kommission für wissenschaftliche Angelegenheiten LEEM (der Arbeitgeberverband der französischen Pharmaunternehmen). In Wirklichkeit aber erkennt man „das beste Jahr des Jahrzehnts“ an 23 ASMRs [9] (Bescheinigungen über verbesserte therapeutische Leistungen), wovon nur ein einziges Medikament einen wesentlichen Fortschritt darstellt und 17 darunter nur unwesentliche Verbesserungen aufweisen. 2009 musste der Präsident der Transparenzkommission in seinem Bericht (zum Thema Medikamente) die „anscheinende Innovationsflaute“ zugegeben. In Wirklichkeit hat die Forschung in der Pharmabranche schon längst den Geist an den Nagel gehängt.
 

Die Verstaatlichung ist überfällig!


„Lebewesen, die im Zusammenleben mit anderen Lebewesen einseitig nutzen ziehen und diese dabei schädigen und in ihnen Krankheiten hervorrufen können", ­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­lautet die Definition von Schmarotzern. Hier haben wir es also mit einer Gesellschaftsgruppe zu tun, die ohne direkte Beteiligung an Forschung und Herstellung, den größten Anteil des von den Arbeitnehmern erschaffenen Vermögens an sich reißt, und schadet dadurch der Entwicklung, Forschung und letztendlich auch dem Fortschritt. Ihre Bereicherung geht mit der Vernichtung unzähliger Arbeitsplätze und der Plünderung der Sozialversicherung einher, sprich öffentliche Gelder, die von den Arbeitnehmern hart erarbeitet worden sind. Die Großkapitalisten der Pharmaindustrie tragen in der Tat parasitäre Züge, mit schlimmsten Folgen für den Rest der Menschheit. Gegen dieses Schmarotzertum gibt es aber ein Heilmittel für die Gesellschaft: Die Verstaatlichung der gesamten Pharmaindustrie, ohne Entschädigung der Aktionäre. Die Beschäftigten und die Bevölkerung übernehmen die Kontrolle. So könnte die Forschung nach den öffentlichen Prioritäten ausgerichtet werden, dem Gemeinwohl, das von nun ab über dem Privatinteresse stünde. Habgier hätte keinen Platz mehr im Forschungs- und Entwicklungsprozess. Eine solche Maßnahme hätte folgende Vorteile:

 

  1. Durch die Verstaatlichung könnten die Preise der Medikamente drastisch gesengt werden. Zum einen, weil keine Dividenden mehr an die Aktionäre ausgezahlt würden. Dieses Geld stände nun frei für andere Zwecke, so auch die Senkung der Arzneipreise. Zum anderen entfielen die Unsummen für Marketing: Die Forschungsprogramme würden völlig offen dargelegt, die Informationen würden nicht mehr verdreht, nur um Medikamente um jeden Preis über den Ladentisch zu bekommen. Die Gelder, die im Sumpf der  Werbe- und Aktionärkassen versenkt werden, könnten zum Teil in die Ausbildung der Pflegekräfte fließen; Nutzen und Risiko könnten gegeneinander in völliger Unabhängigkeit ohne Interessenkonflikt abgewogen werden.
     
  2. Eine Verstaatlichung brächte wieder Dynamik in die Forschung. Nicht nur, weil die Forschungsprogramme von der Gesellschaft finanziert würden, demzufolge entsprechend der von ihr selbst festgelegten Schwerpunkte, sondern weil sich auch alle Programme miteinander abstimmen ließen. Das Know-how jedes Labors würde zusammenlegt; die bereits vorhandenen Forschungskapazitäten ließen sich verzehnfachen. Rentabilitätsgründe stünden nicht mehr im Weg der freien Forschung, bislang unerforschte Bereiche, die vorher nicht ‚rentabel‘ waren, könnten nun wissenschaftlich erforscht werden.
     
  3. Das Angebot der Medikamente ließe sich vereinfachen, indem gesundheitsgefährdende, unnütze Arzneien oder die (noch unzählige) Nachahmemedikamente bzw. Doppelgänger von den Regalen verschwänden. Anstelle griffiger Namen, die von den Labors für einen besseren Absatz sorgen sollen, erhielten Bezeichnungen, die den Internationalen Freinamen (INN) entsprächen. Solche Namen wären vielleicht weniger en vogue, aber für Fachkräfte des Gesundheitswesens zumindest klar und unmissverständlich.
     
  4. Zu guter Letzt könnten auf globaler Ebene in den sogenannten ‚Schwellenländern‘ endlich auf Notstände eingegangen werden. Unter dem kapitalistischen System wären diese Länder eh nur zur ewigen ‚Schwelle‘ verdammt. Jedes Jahr sterben Millionen von Menschen, nicht etwa, weil man nicht ihre Krankheiten kennt oder sie unheilbar oder schwer zu behandeln sind. Nein. Sie sterben, weil es ihnen an grundlegendsten Behandlungen und herkömmlichsten Medikamenten fehlt: Behandlungen gegen Tuberkulose, Malaria, HIV, selbst einfache Rehydrationstaschen, sterile Geräte, Antibiotika gibt es nicht. Die Gesundheit in der Welt könnte in nur wenigen Monaten verbessert werden, wenn das bereits vorhandene Wissen in diesen Ländern nur zum Einsatz käme und den Millionen Menschen nicht länger vorenthalten würde. Es sollten dringende Medikamente in ausreichender Zahl hergestellt werden. Sie sollten für jeden zugänglich und erschwinglich sein, um nicht zu sagen, kostenlos. Ein solches Ziel sollte die absolute Priorität für eine ‚zivilisierte‘ Gesellschaft sein.  Mit einem Schlag könnte auch dem Schmuggel gefälschter Medikamente den Garaus gemacht werden. In naher Zukunft könnte die Aufmerksamkeit der Forschung endlich auch auf endemische Krankheiten gelenkt werden, die jährlich Millionen Menschenleben dahinrafft. Und doch gehören sie in unserem modernen Zeitalter immer noch nicht zu den heutigen Prioritäten: Malaria, Denguefieber usw.

 

Unser Programm:

 

 

  • Alle Medikamentenbezeichnungen nach INN-Norm, Vernichtung aller gesundheitsgefährdenden, unnützen und kopierten Medikamente.
  • Schulung der behandelnden Ärzte über die Medikamente durch kompetente und unabhängige Spezialisten.
  • Verstaatlichung der Pharmaindustrie, unter der Aufsicht der Beschäftigten und der Bevölkerung, ohne Entschädigung der Aktionäre.
  • Ausrichtung der Forschung entsprechend der reellen Prioritäten der öffentlichen Gesundheit.
  • Notplan zur Beseitigung heilbarer Krankheiten in Frankreich und in der Welt.

 

 

Fortsetzung:

 

Teil 4  Altersheime, altersverachtende und entwürdigende Verhältnisse

 

Teil 5  Medizinische Grundversorgung ohne Garantie

 

Teil 6  Folgen der Lebens- und Arbeitsbedingungen,  Programmfinanzierung

 

Quelle: Riposte.

 

(c) Übersetzung Frank MÖRSCHNER 2013