Die Endlosspirale in das soziale Dumping

(Travailleurs détachés: dans la spirale sans fin du dumping social)


(L'Humanité,  21 Décembre 2012, von Philippe Jérôme, Übersetzung Frank Mörschner)

150 000 Gastarbeiter aus Ost- und Südeuropa, und dies ist nur eine Dunkelziffer, malochen in Frankreich unter Bedingungen, die einer modernen Sklaverei gleichkommen. Berichterstattung über eine Baustelle ITER, unter der finanziellen Schirmherrschaft von CEA Provence.

Manosque, Cadarache (Alpes-de-Haute Lrovence), Sonderberichterstattung. Wie untergehende Matrosen rufen sie verzweifelt ihren letzten Hilferuf. Acht portugiesische Arbeiter klopften letzten Mai an die Gewerkschaftstür in Manosque. Eingestellt wurden sie von der Leiharbeitsfirma in Lissabon Trouble Works Trabalho Temporario; hierher hergebracht in einem Lieferwagen. Ihr Essen erhalten sie auf der Baustelle, ein Stück Brot, zusammengepfercht, für einen Tagessatz von 25 € pro Person. Ihre Unterkunft vermietet ihr Chef der Firma SAMT, Zulieferfirma von Razel, Tochterunternehmen des Konzerns BTP Fayat. Diese Arbeitnehmer im befristeten Arbeitsverhältnis von sechs Monaten hatten in zwei Monaten Arbeit nur 150 € verdient! „Das war pure Sklaverei“, empört sich Christian Rimbaud, stellvertretender Generalsekretär der UL CGT in Cadarache.

Ein Gewerkschafter, heute von Areva in den Ruhestand getreten, ist umso mehr über diese Geschichte schockiert, als dass die Baustelle, auf welcher die Zeitarbeiter schuften mussten, zum Reaktor Jules-Horowitz gehörte – neues Vorzeigeobjekt der Wissenschaft, finanziert von der namenhaften CEA (wissenschaftliches Zentrum für nukleare und alternative Energien).Neben dieser Baustelle lief auch seit 2007 das Bauvorhaben für den experimentellen Wärmekernreaktor ITER an. Ein gigantisches Projekt zur Beherrschung der Kernschmelze. An diesem Projekt sind Europa und sechs weitere Großmächte der Wissenschaft beteiligt. Im Jahre 2010, als die Entwaldung und die Erdarbeiten für die 400 Hektar große Plattform voll im Gange waren, machte sich die Gewerkschaft CGT über die Arbeitsbedingungen auf der internationalen Riesenbaustelle große Sorgen. Aber damals arbeiteten da gerade mal eine Handvoll Polen. Wenn aber die Arbeiten 2014 und 2015 erst einmal so richtig in Schwung kommen, könnte die Zahl auf sage und schreibe 4 000 Beschäftigte ansteigen. Sie werden darunter keinen einzigen Franzosen finden, wenn man nach den Stellenanzeigen über Fremdenverkehr geht. Herausgegeben werden diese Stellenanzeigen vom Arbeitsamt in Manosque. Dasselbe Arbeitsamt, wo 3 764 arbeitslos gemeldet sind ... Gäbe es eine Richterskala für Sozialdumping, so stände ITER den Tschernobyl-Werten kaum nach, so Alain Archambaud, Gewerkschaftsvertreter bei CEA von Cadarache.

Prekäre Arbeit, prekäre Unterkunft

In dem Land, wo Giono seinen Husar auf das Dach gepflanzt hat, wütet eine antisoziale Cholera, die sich immer weiter auszubreiten droht. Der Name des Virus: Richtlinie 96/71. In Frankreich betrifft sie alle Arbeiter, die zum „Sondereinsatz“ in anderen Gemeinschaftsländern eingestellt werden (siehe Seiten 3 und 4). Hat dieser Virus etwa schon andere laufende Baustellen in seinem Würgegriff, wie etwa die Fabriken zur Herstellung von Kabelrollen der Supra- und Stromleiter? Schwer zu sagen, denn die Arbeitsvertreter der CHSCT von CEA dürfen dieses Gelände nicht betreten. „Obwohl wir den Antrag gestellt haben, diese Baustelle als Großprojekt einzustufen“, erklärt Alain Archambaud, „splittert sich das Projekt ITER in über 40 kleine Baustellen auf, ist in sich geschlossen und unabhängig voneinander, wovon die ersten Baustellen an die öffentlichen Bauunternehmen von BTP gegangen sind.“ Jede dieser BTP-Unternehmen hat eine Zweigstelle in den osteuropäischen Ländern. Die ersten Büros wurden von den Polen und Russen errichtet." Man weiß nicht so recht, wo sie untergebracht sind. Angeblich duschen sie sich im Umkleideraum eines Tennis-Clubs!

 

Wäre das Projekt ITER als Großbaustelle eingestuft worden, so wie es mit dem Projekt Viadukt Millau geschehen ist, wären die Unternehmensgruppierungen verpflichtet gewesen, für die Arbeiter Unterkünfte zu besorgen. Das führt auch oft zu längeren Arbeitsverhältnissen, da die Beschäftigten meist auch für die Wartung der Anlagen, an die sie mit gebaut haben, mit hinzugezogen werden. Bei ITER wird das ganz anders aussehen, wenn man der Unterkunftsprognose, die von CEA und der Agentur ITER France im Juni 2012 veröffentlicht wurde, Glauben schenken darf. Unter den jetzigen Bedingungen, wo sowohl die Arbeit als auch die Unterkunft prekär ist, werden im Jahr 2013 einhundertzwanzig Zeitarbeiter in mobilen Wohneinheiten hausen, wovon zwei auf einem Fußballplatz in Corbières. Ein Faktum, von dem die Städteplanung dieses 1000-köpfigen Dorfes nichts hören will! Weitere 779 Personen sollen in Château-Arnoux auf einem Campingplatz am Ufer eines kleinen Sees untergebracht werden – ein Campingplatz, der schon seit fünf Jahren verwahrlost ist. Hinzuzufügen ist, dass diese Kapazität wegen der Überschwemmungsgefahr höchstwahrscheinlich nach unten korrigiert werden muss. Sollen so Menschen leben, die bis 2007 eine der gewaltigsten Anlagen des Jahrhunderts errichten?

 

(Text: Philippe Jérôme, Übersetzung Frank MÖRSCHNER)