Das Zauberwort "Volumen"

 

Der Trick mit dem großen Volumen

 

 

Das Argument „Volumen“ zieht bei den meisten Übersetzern. Für ein Großvolumen, an dem ich monatelang arbeiten kann, ohne mir Sorgen über den nächsten Auftrag machen zu müssen, ist natürlich immer sehr verführerisch, und dafür wäre ich auch gern bereit, mit dem Tarif etwas herunter zu gehen.

 

Aber Achtung! Ist hier die Rede vom enormen Volumen für die Agentur oder für den einzelnen Übersetzer?

Viele Agenturen protzen gerne mit einem Großauftrag eines renommierten Kunden, den sie sich erfolgreich ans Land gezogen haben. Aber eben wegen dieses enormen Volumens (sagen wir über 500 000 Wörter) könnte der Kunde – verständlicherweise – den Preis nur ganz niedrig ansetzen. Kommt dann noch hinzu, dass der Liefertermin dieses Großprojektes binnen 5 Tage geliefert werden muss und dass daher das Volumen unter 50 Übersetzern aufgeteilt werden muss (ein Übersetzer schafft in der Regel etwa 10 000 Wörter in 5 Tagen), dann bleibt das enorme Großprojekt von der Menge her nur noch ein enormes Durchschnittsprojekt für den einzelnen Profi-Übersetzer.

 

Denken Sie also daran: Sie können in einem Monat nur so viel übersetzen (etwa 40 000 Wörter) und ergo so viel verdienen. Wenn Sie wenigstens einen Mindestlohn (etwa 1300 € Netto) erreichen möchten, dann müssten Sie mindestens 0,032 €/Wort verlangen. Aber das ist zu gering, denn Sie müssen ja mit einberechnen, dass Sie nicht fest angestellt sind, also kein Festgehalt beziehen.

 

Hinzukommen die Abgaben. Da kommen Sie also mit 0,032 €/Wort gar nicht mehr hin. Denn, wenn der Auftrag nach einem Monat vorbei ist, bekommen Sie nicht unbedingt gleich wieder einen neuen Großauftrag mit über 40 000 Wörtern. Nun kann es durchaus einmal sein, dass Sie zwei oder gar mehrere Wochen nur kleine Kleckeraufträge bekommen. Dann knabbert dieses Fehleinkommen im Folgemonat ganz schnell an Ihren hart verdienten 1 300 € des vormonatlichen Großauftrags.

 

Bestimmte Agenturen versprechen dann auch gerade deshalb regelmäßige hohe Volumen, die sie aber meistens gar nicht einhalten (können). Meistens geht es ihnen nur darum, für einen bestimmten Großauftrag, Ihr Tarif so weit wie möglich nach unten zu drücken. Wenn wirklich regelmäßig Volumen anliegen, dann sollte eine andere Vereinbarung möglich sein. Nach jedem Folgeauftrag großen Volumens (mindestens 40k Wörter), gibt es einen Rabatt auf den Normaltarif. Das käme auf dasselbe heraus, doch merkwürdigerweise sind solche Agenturen nicht daran interessiert. Sicher weil dieses  Versprechen nur eine Luftnummer war.

 

Weiterbildung und Recherchen

Mit Tarifen unter 0,05 können Sie auch nie etwas für Ihre Weiterbildung tun oder nötige Investitionen tätigen, um Ihr Unternehmen weiter nach vorn zu bringen. Fachbücher und Fachwörterbücher, Übersetzungstools (CAD) und deren Upgrades, Computer und Computer-Reparaturen sind teuer; mit 0,04 oder 0,05 € /Wort können Sie sich nicht einmal den Kauf einer Fachzeitschrift erlauben, geschweige denn Ihre Website weiterentwickeln. Sie bleiben also so „erfahren“ und „gebildet“, wie es Ihr Einkommen erlaubt. Die Masse allein macht Sie nicht zu einem besseren Übersetzer! Es kommt immer darauf an, wie viel Zeit Ihnen bei oder zwischen jeder Übersetzung für die Weiterbildung und Recherche zum jeweiligen Thema zur Verfügung steht.

 

Werbung und Kundenausbau

Ein weiterer wichtiger Aspekt, den viele Übersetzer aus dem Auge verlieren, ist die wichtige Zeit für Marketing und Kundenausbau. Wenn Sie über längere Zeit für einen mickrigen Tarif fast jeden Tag bis zu 8 oder 10 Stunden schuften müssen, dann haben Sie auch keine Zeit, einen Ausweg aus dieser Zwickmühle des Hungerlohns zu finden: Ihnen bleibt keine Zeit mehr für die Suche nach neuen Kunden, und schlimmer noch. Kunden, die besser Zahlen würden, müssen Sie absagen, da Sie schon durch ein anderes, schlechter bezahltes, Projekt gebunden sind.

Deshalb ist ein Mindesttarif von 0,07 € pro Quellenwort für die Kombination Englisch/Französisch > Deutsch durchaus gerechtfertigt. Denn 0,03 oder mehr gehen ab für Sozialabgaben, Investitionen (Bücher, Fachmagazine, Hardware/Software, Sozialabgaben, Steuern, Internet (Entwicklung, Aktualisierung und Anschlussgebühren) und Ausgleichssicherheit für ruhige Zeiten mit Auftragsflauten, kurze Auszeiten für eigenständige Weiterbildung und Recherchen (etwa 4-5 Tage je Monat). Die Auszeit für Weiterbildung ist besonders für junge Übersetzer, oder Übersetzer, die gerade  im Übersetzungsmarkt eingestiegen sind, von entscheidender Bedeutung.

 

Patente oder wissenschaftliche Abhandlungen sollten mindestens mit 0,10 € pro Wort honoriert werden (ganz gleich, welches Volumen). Wenn das Volumen klein ist, sollte der Tarif sogar ein wenig darüber liegen, da für die Einarbeitung viel Zeit erforderlich ist. Am günstigsten wäre natürlich das Stundenhonorar (etwa 20 € oder darüber). Aber Stundenhonorare sind für Übersetzungen nicht üblich und werden von den meisten Agenturen nicht akzeptiert. Nur bei Korrekturlesungen stoßen Stundenhonorare auf größeres Verständnis und Akzeptanz.

 

Fazit:

Übersetzer, die neu auf dem Markt sind, und schnell Fuß fassen wollen, Übersetzer, die Ihre fachlichen und sprachlichen Kompetenzen weiter ausbauen möchten, Übersetzer, die um ihre hohen Fähigkeiten wissen, können sich unmöglich mit Tarifen unter 0,06 € pro Wort zufrieden geben. Die, die es können, müssen halt damit leben und die Kunden müssen sich dann auch mit der womöglich mickrigen Übersetzungsqualität zufrieden geben.

Je mehr Übersetzer, sich in diese Preisdrückerspirale hineinbegeben, desto mehr sägen sie auf dem Ast, auf dem wir alle sitzen. Wenn wir von dem Ast stürzen, wird es immer noch Übersetzung und Übersetzer geben, aber die Qualität wird mit dem Ast in den Bach hinunter gehen. Denn Profiübersetzer wechseln lieber den Beruf, als für solche unanständigen Tarife weiter zu arbeiten. Vorteil daraus werden nur unerfahrene Übersetzer, Neueinsteiger und minderwertig gute Übersetzer ziehen, denn qualifizierte und hochwertige Übersetzer räumen ihnen zunehmend das Feld.  Es liegt also an uns allen, dieser Preisdrückerei Einhalt zu gebieten, in unserem eigenen Interesse und im Interesse der Kunden, die stets eine erstklassige Qualität von uns erwarten.

 Reaktionen darauf sind herzlich willkommen. Und die besten werden auf dieser Website veröffentlicht.