Preisdrückerei und Billigtarifjäger

 

Welchen Preis kann ich verlangen?

 

Dies hängt ganz von der Sprachkombination, dem Umfang und der Komplexität des Projektes ab und auch von der Selbsteinschätzung Ihrer Berufserfahrung, insbesondere Sprachqualität und Stilsicherheit. Hier will ich nur auf die Sprachkombination Englisch / Französisch > Deutsch eingehen.

 

Für die Kombination Französisch oder Englisch > Deutsch, sollte der Tarif nicht 0,06 € pro Quellenwort unterschreiten. Alles andere ist Preisdrückerei und bringt weder dem Übersetzer noch dem Kunden etwas. Auch als Übersetzer mit Hochschulabschluss sollten Sie nicht darunter gehen. Warum?

Oft sind es Übersetzungsagenturen, die Preise so weit wie nur irgend möglich drücken. Es gibt aber auch seriöse Agenturen, die nicht diesem Preisdruck nachgeben, und dies aus gutem Grund:

 

Qualität hat seinen Preis.

 

Nur selten findet man einen wirklich guten Übersetzer unter 0,06 €/Wort. Wenn Sie selbst einen Tarif unter dieser Grenze anbieten, schätzen Sie selbst Ihre Qualität unterdurchschnittlich ein, oder hinterlassen zumindest bei seriösen Unternehmen diesen Eindruck. Unternehmen, die vorrangig Rendite in Betracht ziehen, lassen den Aspekt Qualität außen vor. Diesen Unternehmen fehlt es oft am nötigen Verständnis gegenüber dem notwendigen Fachkönnen, der über viele Jahre intensiven Studiums hart erarbeitet wurde, oder es fehlt ihnen einfach am nötigen Respekt gegenüber der Arbeit des Übersetzers. Und da, wo es an Respekt und Verständnis fehlt, fehlt es auch größtenteils an einer zuverlässigen Zahlungsmoral.

 

Wie oft habe ich persönlich bei größeren Volumen unter 0,06 gearbeitet, in der Überzeugung, dass bei einem solch günstigen Angebot, der Kunde unmöglich das Zahlungsziel versäumt. Muss er doch zufrieden sein, für so günstig, so gute Qualität zu bekommen! Es waren aber mehrheitlich ausgerechnet diese Firmen, die mit der Zahlung auf sich warten ließen und die ich über mehrere Wochen oder gar Monate Mahnungen nachschicken musste.

 

Je niedriger der Tarif, umso unsicherer die Zahlungsgarantie. Man könnte auch meinen: Je niedriger der vom Kunden angebotene Tarif, umso sicherer eine verspätete Zahlung oder gar totale Zahlungsweigerung.

 

Besonders viel Vorsicht sollte man bei Agenturen aus dem mittel- oder fernöstlichen Raum walten lassen. Insbesondere China und Indien zeichnen sich durch extrem hohe Zahlungsausfälle oder Superpreisdumping aus. Chinesische oder indische Agenturen gehen oft nicht über 0,02 oder 0,03 €/Quellenwort. Dann kann man diese Übersetzung auch gleich von einer Google-Maschine übersetzen lassen. Da ist es kostenlos, und die Qualität dürfte dann so etwa die gleiche sein, wie die eines Übersetzers, der für einen solchen Preis bereit ist zu arbeiten. Denn freiberufliche Übersetzer, die in westlichen Industrieländern leben, können sich von dieser Vergütung nicht lange in ihrer Selbstständigkeit halten. Dafür sind die Lebenskosten in den westlichen Ländern (insbesondere Deutschland, Frankreich und Skandinavien) einfach zu hoch. Es sei denn, man hat einen einkunftsstarken Partner an der Seite. Aber selbst dann stellt sich die Frage, ob es sich lohnt, viele Stunden, Tage und Wochen an technischen, oft sehr komplexen Fachtexten zu schwitzen, oft bis in die späte Nacht hinein. Kurz: Der Wilde Westen hat im Osten (einschließlich Osteuropa) Einzug gehalten.

 

Deshalb rate ich: Finger weg von Agenturen aus Schwellenländern oder osteuropäischen Ländern. Denn dort herrscht die Discount-Mentalität, wo der Übersetzer wie eine ungelernte Arbeitskraft ausgesaugt wird. Das Bild von den ausgebeuteten Näherinnen aus Indien kommt mir dabei in den Sinn. Schlimmstenfalls, und nicht selten, sieht man dann noch nicht einmal den erhofften Hungerlohn am Ende des Monats auf sein Konto, sondern muss sich dann noch damit herumplagen, Mahnungen zu schreiben, die dann oft unbeantwortet bleiben.

 

Viele Übersetzer lassen sich auch in diese Teufelsspirale der Preisdrückerei freiwillig und ohne jeglichen Widerstand hineintreiben, indem sie sich allzu leicht von Agenturen vorgaukeln lassen, dass das „niedrige Budget“ am Endkunden läge, der nicht mehr zahlen will. Dann kommt die wirtschaftliche Lage hinzu, dann der hohe Zulauf von Übersetzern, die gerne für diesen niedrigen Tarif arbeiten würden usw. Oft sind das nur Halbwahrheiten. Es gibt immer „viele Übersetzer“, aber es wird immer wenige „gute Übersetzer“ geben, insbesondere für hochspezialisierte Texte. Wie oft, habe ich solche Argumente in den Antwortmails der Agenturen lesen müssen. Wenige Tage später bekomme ich Korrekturaufträge dieser „vielen Übersetzer“, die eine perfekte Schluderarbeit geleistet haben, und deren Übersetzer mit fachlichen und sprachlichen Unkenntnissen nur so strotzen. Nur ein gewaltiger Kraftakt können dann solche „Fehlübersetzungen“ einigermaßen wieder geradebiegen, das heißt, mit viel Sachverstand, Erfahrung, Kreativität und Zeitaufwand.

 

Über Ihre Meinung und Ihre eigenen Erfahrung diesbezüglich würde ich mich sehr freuen!