Ausplünderung der Genossenschaftsbanken

 

 

Mit der französischen Bank Crédit Agricole geht es bergab


Originaltitel: Crédit agricole, de la coopérative à la dérive
Quelle :  L’Humanité
, 12. August 2013 von Clotilde MATHIEU



Bis 1987 zählte die Crédit Agricole noch zu einem der ganz besonderen Geldhäuser. Bald aber wurde ihr der kooperative Grundgedanke zu langweilig und wollte, wie seine kapitalistischen Stammesgleichen im großen Geld mitmischen.

Die Finanzkrise machte aber auch vor der sonst so konservativen Bank nicht halt, und vergangenes Jahr schrieb sie zum ersten Mal rote Zahlen.

Der Geschäftsführer der Crédit Agricole,  Jean-Paul Chifflet, zeigt sich aber demonstrativ „zuversichtlich“, ja „äußerst zufrieden“.  Ihm zufolge wird das Geschäftsjahr 2013 sogar „bedeutende Erträge in die Kassen spülen“. Im ersten Semester konnte der ‚Grüne Riese‘, wie man das Geldhaus in Frankreich weitläufig nennt, die Gewinne verdreifachen, sprich bis zu 1,165 Milliarden Euro. Ein wahrer Segen für die Aktionäre, dessen Aktienkurse um 100% nach oben schossen, und das trotz eines eigentlich sehr holprigen Jahres...

Die Zeche für dieses festliche Ereignis mussten aber die Angestellten zahlen - in diesem Jahr wurde die Beschäftigtenzahl um 9,2% abgebaut.

Es waren unter anderem diese Angestellten, die noch im Vorjahr ihre Kunden beruhigen mussten, dass ihre Bank solide aufgestellt sei, trotz der 8,5 Milliarden Verluste und 6 Milliarden Abschreibungen aufgrund des abenteuerlichen Aufkaufs der griechischen Filiale Emporiki im Jahr 2006.

Dabei musste der Grüne Riese schon 2007 13 Milliarden während des Subprime-Wahnsinns wegstecken.
 
Und wenn nun entgegen seinem Werbeslogan der ach so gepriesene „gesunde Menschenverstand“ der Vergangenheit angehört und schon sehr bald weitere Abschreibungen ins Haus stehen?

Die Crédit Agricole wurde Ende des 19. Jh. gegründet, um den finanziellen Bedürfnissen der Landwirte nachzukommen. Deshalb wurde die Crédit Agricole (Landsparkasse) als Kooperative ins Leben gerufen.

Crédit Agricole-Filialen entstehen in allen Bezirken, die grünen Geldtransporter sieht man in Frankreich an allen Ecken. Das Funktionsprinzip ist ganz einfach: Die Bank sammelt das Geld und verteilt Kredite, der Rest geht in die Reserve. Die Staatskasse der Crédit Agricole gewährleistet den Steuerausgleich des Fonds und überweist es an Filialen, die Kredite am dringendsten brauchen.


AUSWIRKUNGEN DER PRIVATISIERUNG


Den Finanzmärkten sagt die grüne Bank nicht viel, aber die französischen Kunden geben sich die Klinke in die Hand. 1984 dann wird das erste Bankengesetz verabschiedet. Die kooperativen Banken werden verdrängt und die Privatisierung hält Einzug. Die Staatskasse der Crédit Agricole wird von den regionalen Kassen aufgekauft. Sie behalten den kooperativen Status, werden aber fusioniert. Von über hunderten Filialen verbleiben gerade einmal 39. Kundenberater der Bank verwandeln sich in Verkäufer. „Zuvor kamen die Kunden zu uns, um Rat einzuholen, heute rennen wir ihnen hinterher, um ihnen provisionierte Produkte anzudrehen, von denen wir selbst nicht einmal wissen, was drin steckt“, bedauert Alain Babin, Landesvertreter der Gewerkschaft CGT von Crédit Agricole und Kundenberater seit 1982.Gleichzeitig entwickelt die Bank verkaufsbezogene Vergütungsanreize für jeden Bankberater. Diese Entartung ist nur die Spitze des Eisbergs. 2001 wird de Kooperative eine Aktiengesellschaft und nennt sich jetzt Crédit Agricole AG. Ab sofort fixiert die Bank ihre Ziele nur noch auf den Markt, die Politik der 'Finanzialisierung' ist angekommen. Die genossenschaftlichen Kunden, also die Mitglieder der genossenschaftlichen Bank, die auch Kunden dieser Bank sind, haben nichts mehr zu sagen. Die vormals breitflächige Mitbestimmungsstruktur zieht sich zu einem kleinen Führungskern zusammen. Unter dem fehlenden Mitbestimmungsrecht der genossenschaftlichen Kunden und Angestellten zerbröckelt das demokratische Verwaltungsprinzip der örtlichen Filialen (siehe weiter unten). Die Aktionäre haben jetzt mehr Gewicht als die Stimme der genossenschaftlichen Kunden. Die Geschäftsführung wird vom Größenwahn befallen: Sie will größte Bank der Welt werden. Das Eigenkapital wird zur Erreichung dieses Ziels aufgebraucht.

Im Zuge des Kaufrauschs schluckt sie Crédit Lyonnais sowie andere Filialen in Spanien, Italien, Griechenland, Argentinien und stülpt ihnen ihr neues Geschäftsmodell über. Sie steigt in das Revolving-Geschäft (kurzfristige Verbraucherkredite) und stellt sogar Sofinco* und Finaref* in den Schatten. Kurze Zeit darauf versucht sie sich auf einem neuen Geschäftsfeld: den Geldmarkt. Sie eröffnet zwei Filialen in Cheuvreux und Calyon, die sich auf Geld- und Finanzgeschäfte konzentrieren. 2002 überholt der Gewinn zum ersten Mal das Gehaltsaufkommen. In zehn Jahren werden 3.500 Stellen abgebaut.

2007 stürzt das Kartenhaus in sich zusammen. Calyon und Cheuvreux stecken tief im Subprime-Schlamassel und schreiben Rekordverluste. „Ich habe strukturierte Kreditprodukte auf den Markt gebracht, die mit unserer Strategie übereinstimmten. Daran kann es also an sich nicht gelegen haben“, erklärte der ehemalige Bankchef Marc Litzler 2008 in der Wirtschaftszeitschrift L'Expansion.

Zwei Jahre später, die Finanzkrise kaum überstanden, sind es genau diese landesweit vernetzten Regionalbanken in Griechenland und in Italien, die der genossenschaftlichen Bank zusetzen. Sie sind es, die die Kosten für die Eurofinanzkrise und später die Eurowirtschaftskrise stemmen müssen.

Seitdem trennt sich die Bank allmählich von den risikobehafteten Investmentfilialen, die empfindliche Verluste hinnehmen mussten. Die regionalen Banken hingegen stehen noch ganz gut da. 2012 konnten sie das Ergebnis um 3,5 Milliarden Euro verbessern.

Trotz der Krise konnten die kundennahen Geschäftsbanken ihre Einnahmen um 5,5% erhöhen und den Kreditbestand um 3% erweitern. Fragt sich nur, wie lange.

Crédit Agricole hat noch alle Karten in der Hand, um wieder eine moderne Geschäftsbank zu werden. Vorausgesetzt, Crédit Agricole begibt sich unter staatliche Kontrolle und in öffentliche Hand.


2001 WIRD DIE GENOSSENSCHAFTSBANK EINE CRÉDIT AGRICOLE AG UND IST AN DER BÖRSE NOTIERT.

GENOSSENSCHAFTSBANKEN SIND UNVERZICHTBAR



Mit 60% Kapitaleinlagen, 40% Darlehen, über 50 Milliarden Euro Umsatz und 164.000 Beschäftigten fallen genossenschaftliche Banken im französischen Bankensektor noch schwer ins Gewicht.

In Frankreich gibt es vier Genossenschaftsbanken: Crédit Agricole, Banque Populaire-Caisse d’Épargne und Crédit Mutuel.

Crédit Agricole steht weltweit an der vierten Stelle und ist die zweitgrößte Gruppe in Frankreich.


WIR HABEN DIE TALFAHRT HINTER UNS. JETZT SIND WIR AUF DEM RICHTIGEN WEG“
BANKCHEF JEAN-PAUL CHIFFET


SICHER HAT DER CHEF DER CRÉDIT AGRICOLE AG DABEI VERGESSEN, DASS ER IN NUR EINEM JAHR DAS GEHALTSAUFKOMMEN DER GRUPPE UM 9,2% GEKÜRZT HAT...

 

 

* Sofinco und Finaref sind in Frankreich die größten Kreditgeber für Kleinverbraucher (einfache Schnellkredite in begrenzter Frist und Betragshöhe) im Vertrag mit Großhandelsketten. Oft werden Revolingkredite über Kundenkarten abgewickelt.

 


Deutsche Übersetzung aus dem Französischen / Traduction du français vers l‘allemand : Frank MÖRSCHNER © Septembre 2013