3 – Kliniken und Krankenhäuser - das große Geschäft

 

 

 

Originaltitel:

Les cliniques et hôpitaux

Quelle: La Riposte, Boris Campos

 

 

Wie bei jedem Unternehmen geht es bei einer Klinik - insbesondere bei Krankenhausketten wie Capio und anderen - nicht um das Heilen, sondern um den Profit. Korrekte Pflege und Behandlung sind nicht das eigentliche Ziel. Sie sind Voraussetzung, um Patienten – sprich Kunden – anzuziehen. Damit das Geschäft sich rechnet, entscheiden sie sich für schnelle Behandlungen, die von der Sozialversicherung erstattet werden. Komplexe Behandlungen, die lange teure Krankenhausaufenthalte und einen kostspieligen Personalaufwand verlangen, sind möglichst zu vermeiden. Die schwierigen Patienten überlässt man den öffentlichen Krankenhäusern; diesen Patienten wird empfohlen, sich selbst über die Kosten zu informieren, damit die Behandlung sie nicht in die Schuldenfalle treibt.


Zur ungleichen Verteilung zwischen öffentlich und privat kommt noch hinzu, dass bei einer Neueröffnung keine Abstimmung oder gemeinsame Strategie gibt. Wenn es aber einen ‚Markt‘ gibt und die Klinik genug abwirft, dann lohnt sich vielleicht die Investition und das damit verbundene Risiko. (Wohl gemerkt: Die Herren sind bereit das ‚Risiko‘ einzugehen, um die Kranken zu heilen.) Eine Entbindungsklinik auf dem Land kann niemals so einträglich sein wie etwa eine Entbindungsklinik in Paris, auch wenn die erstgenannte für die Menschen genauso unentbehrlich ist. Auf dieser Grundlage ist es unmöglich, einen gleichen Zugang zur ärztlichen Versorgung für alle sicherzustellen. Denn bei der Privaten dreht sich alles um die Bereicherung einiger Wenige, was mit dem Gemeininteresse, das heißt, hochwertige Pflege und Behandlung für alle, unvereinbar ist. Die Bettenverteilung in den Krankenhäusern ist letztendlich eine Kapitulation des Kapitalismus. Hier hat er auf ganzer Linie versagt.


Der Staat musste sogar einspringen, um das akute Bettenproblem in den Krankenhäusern auf rationellere Weise in ganz Frankreich zu lösen. Dabei spielten natürlich andere Maßstäbe eine Rolle als Rentabilität: die Entfernung zur nächsten Entbindungsstation oder Notaufnahme, die Anzahl der Betten mit Bezug auf Einwohnerzahl usw. Anders ausgedrückt, es war der Staat, der die Verteilung der Krankenhausbetten auf nationaler Ebene organisieren musste.
Der Staat musste den Karren aus dem Dreck ziehen, wo der Kapitalismus ihn reingefahren hat. Hier hat er deutlich seine Grenzen gezeigt. Aber diese Organisation, unser heutiges System, das einen enormen Fortschritt verzeichnet, verzerrt und stört ihre ‚natürliche‘ Funktionsweise unter einer solchen neoliberalen Ordnung. Sie stützt sich auf die Ressourcen des Staates und ist so nicht auf Dauer lebensfähig. In Zeiten des Wachstums kann der Staat solche Belastungen auffangen, er kann sie sogar eindämmen, wenn genug sozialer Druck dahintersteht. In Zeiten der Krise steht ein solches System unter Druck, steht auf dem Spiel – und wir durchlaufen derzeit die schlimmste Krise seit Ende des Zweiten Weltkriegs.


Schon vor dieser Krise verlangte man von mehr und mehr Krankenhäusern, sich wie Unternehmen zu verhalten. Sie sollten ‚wirtschaftlicher‘ und ‚schlanker‘ werden und Defizite zurückfahren, koste es, was es wolle. Ergo leiden die Krankenhäuser jetzt unter akutem Personalmangel. Die Schlangen in den Notstationen werden immer länger. Fachkräfte werden ständig von ihren freien Tagen zurückgerufen, um Überstunden zu leisten. Mit den zusehends schlechter werdenden Arbeitsbedingungen nimmt auch das Leid auf der Arbeit immer mehr zu. Die Burn-Out-Fälle häufen sich. Immer mehr Krankenpflegerinnen beklagen sich über Rückenschmerzen. Die Arbeitsunfälle vervielfachen sich. Und ja nicht zusammenklappen! In dieser Branche spielt die Direktion gern mit den Schuldgefühlen des Pflegepersonals. „Wenn du fehlst, gibt es keine Auswechslung. Das weißt du ganz genau. Deine Arbeit müssen dann deine Kollegen machen und sie und die Patienten müssen es ausbaden.“


Ganze Stationen mussten geschlossen werden oder stehen kurz davor. Der öffentliche Sektor kann eine solche Verschlechterung der Arbeitsbedingungen nicht wegstecken, ohne dass die Qualität darunter leidet. Die Krise aber wird diesen Vorgang nur beschleunigen. Ohne Gelder wird der Staat sich so schnell wie möglich weiter zurückziehen und versuchen, um jeden Preis andere Einsparquellen anzuzapfen. Der private Sektor profitiert davon. Hatte er doch noch zuvor hart um sein Überleben kämpfen müssen, als das relativ gut ausgebaute staatliche Gesundheitsnetz im Vergleich zu anderen Ländern in der Welt ihm starke Konkurrenz machte. Jetzt kann er endlich wieder die ‚Märkte‘ (das heißt, das Gesundheitswesen) wieder zurückerobern. Das öffentliche Gesundheitswesen soll zerstückelt werden, es soll den Gesetzen des Geldes gehorchen, so wie es überall woanders auf dem Markt ist.


Der Gesundheitssektor muss lukrativ werden! Dieser Irrsinn hört erst dann auf, wenn mit dem privaten Sektor im Gesundheitswesen Schluss gemacht wird. Um die Verstaatlichung aller Kliniken und privaten Gesundheitseinrichtungen führt da kein Weg vorbei. Sie alle müssen zurück in die öffentliche Hand. Jede Einheit untersteht dann unter demokratischer Kontrolle der Arbeitnehmer und der Bevölkerung. Das Gesundheitsministerium wäre dann zuständig für die Planung des Gesundheitswesens im ganzen Land. Vorrangiges Ziel wäre dann die Gewährleistung hochwertiger Behandlung und Pflege für alle, die sie benötigen, ohne jede direkte finanzielle Gegenleistung. Die Behandlung im Krankenhaus muss kostenlos sein. Unter den Millionen Arbeitslosen werden sich schnell Bereitwillige finden, die eine Ausbildung für medizinische Hilfsberufe absolvieren möchten, um den Personalmangel zu begegnen. Dabei darf nicht vergessen werden: Immer häufiger wenden sich Krankenhäuser und Kliniken an Dienstleistungsfirmen, wie etwa Gastronomie, Wäscherei, Geräteverleih. Warum eigentlich? Es gibt keinen Grund, warum sich private Firmen auf Kosten der Steuerzahler bereichern sollten. Die ganze Schar von Subunternehmen gehören gleich mit unter die Fittiche des öffentlichen Gesundheitswesens.



Unser Programm:
 

  • Kostenfreie Behandlung und Pflege für alle
  • Verstaatlichung aller privaten Kliniken und ärztlichen Einrichtungen und Eingliederung in ein gemeinsames öffentliches Gesundheitswesen.
  • Schluss mit den unternehmerischen bis abenteuerlichen Gebärden der Krankenhäuser, die wieder in die Hände der Arbeitnehmer und Bürger gehören.
  • Einstellungsprogramm, um den Personalmangel ein Ende zu setzen.
  • Kein privater Sektor mehr, keine außertariflichen Honorare. Schluss mit privaten Konsultationen von Ärzten in Krankenhäusern.
  • Verstaatlichung der Dienstleistungsfirmen, die den Krankenhäusern direkt zuarbeiten, und Eingliederung in das öffentliche Gesundheitswesen.

 

 

Fortsetzung:


Teil 2  Die Sozialversicherung und die zusätzlichen Krankenversicherungen

 

Teil 3  Kliniken und Krankenhäuser - das große Geschäft

 

Teil 4  Altersheime, altersverachtende und entwürdigende Verhältnisse

 

Teil 5  Medizinische Grundversorgung ohne Garantie

 

Teil 6  Folgen der Lebens- und Arbeitsbedingungen,  Programmfinanzierung

 

 

 

Quelle: La Riposte, Autor Boris Campos

Übersetzung Frank MÖRSCHNER 2013